Für schlechten Sex gibt´s keinen guten Grund

By Christina | Blog

Okt 24

Uuuh, was für dünnes Eis! Was ist schlechter, was ist guter Sex? Habe ich guten Sex, oder ginge es noch besser? Worüber will sie da eigentlich schreiben?

Nun ja, es beschäftigen mich Aussagen einiger Klientinnen (in meiner psycho-kinesiologischen Praxis wird offen und ehrlich gesprochen), aus denen sich für mich ein Bild ergibt, über das ich gerne mal laut nachdenken möchte.

Da die Menschen heute umtriebiger sind als früher, mehrere Beziehungen und somit auch mehrere Sexualpartner haben, gibt es erhöhte Vergleichsmöglichkeiten. Während man früher ein Leben lang neben dem gleichen Menschen lag und nur raten konnte, wie es die anderen treiben, bringt man heute mehr Erfahrung in die Beziehung ein. So kommt es, dass es immer mehr mutige Frauen gibt, die nach besserem Sex verlangen. Und leider immer wieder mit dieser Antwort abgespeist werden: „Alle anderen Frauen waren zufrieden.“

Das ist die Antwort darauf, wenn die aktuelle Partnerin versucht, dem neuen Mann ein bisschen Orientierung zu geben, was ihr gefällt und was sie sich wünscht. Und wir sprechen nicht von Wünschen wie 50 Shades of Grey. Wir sprechen von Dingen wie „sanfter“, „anders“, „längeres Vorspiel“ und Ähnliches. Der neue Mann ist überfordert. Die Frau ist überfordert. Es ist nicht einfach, diese Dinge zu kommunizieren. Die weibliche Sexualität ist kompliziert. Aus der Überforderung oder dem Frust heraus bekommt sie dann den Satz entgegen geschleudert „Vor dir hat sich noch keine beschwert“.

Es bleibt die Frage, waren die anderen zufrieden oder still?

Die nächste sich wiederholende Sache ist, dass sich Frauen zu Hause vor Sex „verstecken“. Sie lieben ihren Mann. Aber die Beziehung und /oder ihre sexuelle Beziehung bietet ihnen nicht den Rahmen, in dem Verlangen entsteht. Wie das Verstecken geht? Man lege sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Kind ins Kinderzimmer, dankbar, vom Kind gebraucht zu werden, bis der Mann eingeschlafen ist. Man bleibe länger auf, weil man zu tun hat, die Sendung zu Ende schauen will, etc. Bis er eingeschlafen ist. Oder – jetzt wird´s raffiniert, man schicke den Mann wohlmeinend weg. Er sollte doch wieder mal seine Freunde treffen oder Sport treiben. Und die Frau hat einen entspannten Abend. Die Raffinesse psychosomatischer Art ist es, Blasenentzündung oder Scheidenpilz zu bekommen. Dann ist erst mal Ruhe. (Das bedeutet natürlich nicht, dass diese Beschwerden immer auf sexuelle Probleme hinweisen.)

Warum machen diese Frauen das? Weil sie vielleicht selbst nicht sagen können, wie sie es bräuchten. Unsere Sexualerziehung besteht aus ein paar technischen Fakten in der Schule, ein paar getuschelten Erzählungen im Freundeskreis, Filmen, die die Phantasie des Drehbuchautors widerspiegeln, nicht die Realität, und der größten unversiegbaren Quelle –  Pornos, wo ausschließlich der männliche Zugang zur Sexualität dargestellt wird. Wenn frau sich nicht traut, Zugang zu ehrlichen Informationen zu suchen, gerät sie sehr schnell in die Lage, dass sie ihren Körper nicht versteht, daher auch nicht kommunizieren kann, was sie braucht. Oder dass sie es kommuniziert, aber eine Antwort wie oben beschrieben bekommt. Jedenfalls sind die Chancen groß, dass sie glaubt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Oder die Auffassung bekommt, dass Sex grundsätzlich etwas ist, dem sie nicht so viel abgewinnen kann.

Es tut Not, dass Frauen anfangen, ehrlich mit sich selbst zu sein. Das Gespräch zu suchen. Es tut Not, dass Männer wissen, dass sie, um guter Liebhaber zu sein, zwei Dinge mitbringen müssen – Wissen und Gefühl. Kein Wissen aus Pornos. Man kann schließlich auch keinen Bauernhof führen, nur weil  man sich ein paar Heimatfilme angeschaut hat. Echtes Wissen über die weibliche Anatomie, Empfindsamkeit, Bedürfnisse. Aber ein technisch perfekt abgezogenes Vorspiel ist immer noch nicht das, worum es beim Sex geht – körperliche Kommunikation. Präsent sein, sich spüren, sich einlassen auf die Partnerin und ihr Gefühl lauten die Zauberworte. Glaub mir, eine Frau spürt genau, ob du wirklich „da“ bist, ob du dich wirklich einlässt, ob du präsent bist, wenn du sie berührst.

 

Liebe dich zuerst selbst

Doch die wichtigste Zutat ist wahrscheinlich das Wohlfühlen im eigenen Körper. Guter Sex braucht eine solide Basis – und diese besteht aus zwei Menschen, die einen guten Zugang zu ihrem eigenen Körper haben, die sich spüren. Sehr viele Bettprobleme sind nicht wirklich Probleme der gemeinsamen Sexualität, sondern haben ihren Grund in dem Problem, dass einer oder beide der Partner sich in ihrem eigenen Körper nicht wohlfühlen. Bei Frauen bedeutet das mitunter, dass sie einen gewissen Grad an Entspannung brauchen, um Lust empfinden zu können. Dann besteht die Kunst darin, in diesen herausfordernd intimen Situationen authentisch zu bleiben. Sich selbst und den Partner gleichzeitig wahrzunehmen und zu spüren. Sex ist die Kunst der Präsenz. Guter Sex braucht viel Mut.

Ganz ehrlich, ich finde es gruselig, was es über Sex teilweise so zu lesen gibt. Diese dämlichen Ratschläge, die die gemeinsame Sexualität auffrischen und mit Spannung aufladen sollen. Kerzenlicht, Verkleidungen, Stellungen, Reizwäsche. Alles Ratschläge, die beim Sex, der Hilfe aus dem Inneren der Beteiligten braucht, von außen bringen sollen. Was nützt die Reizwäsche, wenn du angespannt und unzufrieden bist, weil dein Kind gerade die Trotzphase erreicht hat und du heute noch keine zehn Minuten für dich hattest? Was nützt das Kerzenlicht, wenn unausgesprochene sexuelle Wünsche wie ein Rufzeichen zwischen euch beiden stehen? Und wieder – in den allermeisten Fällen sind das keine ausgefallenen Wünsche, sondern der Wunsch nach Berührung. Präsenz. Sich fallen lassen. Zeit bekommen. Und den ersten Preis der Dämlichkeit bekommt von mir persönlich der Ratschlag zum Kopfkino.  Eine Einladung zum Nicht-präsent-sein, das ist wirklich nicht sehr hilfreich. Der Kopf sorgt im Bett auch so schon für genug Schwierigkeiten. Wenn ich im Kopfkino bin, bin ich sicher nicht beim Partner. Nicht bei mir. Wirklich prickelnder Sex besteht aber in erster Linie aus Präsenz und Hingabe.

Eine Studie hat gezeigt, dass Frauen von Männern, die im Haushalt mithelfen, mehr Lust auf Sex haben als die anderen. Für mich ist das logisch. Gegenseitiger Respekt, das Gefühl, ich und meine Bedürfnisse werden wahrgenommen, ist ein wichtiges Vorspiel zum Vorspiel sozusagen. Und an dieser Studie, an diesem Zusammenhang wird deutlich, wie kompliziert die weibliche Sexualität ist.

Lass dir nicht einreden, dass andere Frauen zufrieden waren. Die Chancen sind hoch, dass sie einfach nur nichts gesagt haben. Hör auf deinen Körper. Lausche deinen Bedürfnissen. Lerne, Worte zu finden, um auszudrücken, was du brauchst. Auch und gerade in einer langen Beziehung werden sich eure Bedürfnisse verändern. Eure Körper werden sich verändern. Habt den Mut, darüber zu reden.

Und mein persönlicher wichtigster Ratschlag: allen Druck rausnehmen. Sich auf das körperliche Präsentsein, aufs Spüren, aufs Berühren, aufs körperliche Genießen konzentrieren. Wenn man guten Sex schon im Keim ersticken will, macht man am besten eine Jagd auf Erektionen und Orgasmen. Doch all das kommt leichter, wenn man es nicht zur Bedingung dieser gemeinsamen intimen Zeit macht. Guter Sex ist einem guten Gespräch sehr ähnlich. Er wird nicht erzeugt, er entwickelt sich, er schafft Nähe und Verbindung. Und das geht nur, wenn zwei Menschen beteiligt sind, die authentisch und ehrlich sind.

Etwas nicht anzusprechen, um den anderen nicht vor den Kopf zu stoßen, ist gefährlich. Es sind die vielen Dinge, die man sich verkneift, die zwischen den Partnern Distanz erzeugen. Der Schuss geht nach hinten los, die Beziehung wird kälter, man spürt einander schlechter. Lasst einander an der eigenen Lebendigkeit teilhaben. Bleibt in lebendiger Verbindung. Das größte Glück ist das kleine Glück. Eine Berührung, ein Lächeln. Ganz präsent zu sein und den Partner dazu einladen, sich auf diesen Moment einzulassen. Mit oder ohne anschließendem Sex.

Sei nicht still, wenn es etwas Wichtiges zu sagen gibt. Und Freude am Sex ist etwas sehr Wichtiges. Sex ist eine wichtige Quelle der Lebendigkeit.

Es gibt natürlich auch Partnerschaften, in denen man ums Gehörtwerden kämpfen muss. Schrecke nicht davor zurück. Du tust eurer Beziehung keinen Gefallen, wenn du nichts sagst. Im Gegenteil, du passt dich soweit an, dass du für deinen Partner nicht mehr spürbar bist. Dann fängt er an, andere Frauen stärker wahrzunehmen. Sei nicht einfach. Es lohnt sich nicht.

Und last but noch least: mach einen großen Bogen um grottenschlechte Beziehungs- und Sexratgeber. Hör auf dein Gefühl. Hier sind Bücher, die ich dir ans Herz legen kann:

Diana Richardson ist eine Frau, der man gut zuhören sollte. Sie erfasst in ihren zahlreichen Büchern die Weiblichkeit in ihrer ganzen Komplexität und Kraft. Das hier ist der aus meiner Sicht empfehlenswertester Zugang zur Sexualität.

Eva-Maria und Wolfram Zurhorst leisten unglaublich gute Arbeit, was Beziehungen und Sexualität betrifft. Da sie selbst in einer langjährigen Ehe leben, wissen sie – im Gegensatz zu so vielen anderen Beziehungsberatern – wovon sie sprechen. Ich arbeite seit 13 Jahren mit Menschen. Meiner Meinung nach haben diese zwei völlig richtig begriffen, um welche Dynamik es in Beziehungen geht. Ich halte ihren Ansatz für sehr empfehlenswert. Das Buch “Soulsex” geht auf den sexuellen Aspekt ein, wiederum ein Zugang, der mir gut gefällt und dem von Diana Richardson sehr ähnlich ist.

 

Wenn es dir um Kommunikation in der Partnerschaft geht, weil es ja hier ein gutes Gespräch braucht, möchte ich dir ein Video empfehlen, das ich vor einiger Zeit gemacht habe. Ich habe mir zwei Experten eingeladen – selbst ebenfalls in einer langjährigen guten Ehe – um mir das sogenannte “Paargespräch” erklären zu lassen:

 

 

Zum Thema Partnerschaft gibt es auf meinem Blog bereits diesen Artikel: 5 Dinge, die Deinem Partner wichtiger sind als Deine Falten

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Mag. Christina Schmid - In Vorträgen, Kursen und Artikeln vermittle ich mein Wissen aus meiner langjährigen Erfahrung mit alternativen Heilmethoden, Coaching und meinen vielfältigen Ausbildungen. Mein Motto: "Jeder Mensch sollte die Gelegenheit haben, das Beste für sich zu tun". So versuche ich, den Menschen Zugang zu einem Wissen zu vermitteln, welches sonst ausgewählten Kreisen vorbehalten bleibt.

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